„Zurück zur Natur!“, forderte einst der französisch- schweizerische Philosoph
Jean- Jacques Rousseau auf und lieferte mit der in diesem Appell bestehenden Zivilisationskritik einen zeitlosen Denkanstoß. Es ist daher interessant sich seiner kritischen Thesen einmal anzunehmen und ein wenig weiterzuführen..
Viele Aufklärungsphilosophen verstanden unter Natur beinahe das selbe wie unter Vernunft. So auch Rousseau. Seiner Ansicht nach, sei die Vernunft dem Menschen von Natur aus gegeben. Und was von der Natur stammt sei gut, was den Menschen in seinem Wesen zu einem „von Natur aus“ guten mache. Ganz anders sehe es mit der Kirche oder unserer Zivilisation aus. Sie wurde nicht von der Natur zum Bestandteil unseres Lebens ernannt, sondern einzig und allein vom Mensch selbst.
Die Zivilisation stelle somit einen unnatürlichen Aspekt in unserem Leben dar, der somit nicht gut sein kann, da er nicht aus der Natur entstanden ist.Rousseau erklärt folglich die Zivilisation als Ursache allen Übels. Nehme man sich nur die Naturvölker zur Bekräftigung dieser These: Sie leben
gesünder und glücklicher, als die meisten Menschen, die sich in einer Zivilisation lebend finden. Eben weil sie im Einklang mit der Natur leben. Rousseau scheint vorbehaltlos im Recht zu sein.
Denn warum entstehen soziale Ungerechtigkeiten, Kriminalität und Elend? Nicht etwa, weil der Mensch uneingeschränkt seiner natürlichen Vernunft nachgehen kann. Er wird zwangsläufig durch die Zivilisation von ihr entfernt, ohne dass er sich dagegen wehren könnte.Er benötigt Essen und Trinken um sich zu ernähren, ein Dach über dem Kopf um sich zu schützen und Kontakt zu anderen Menschen um Liebe zu bekommen, die er braucht um leben zu können. Um seine Nahrung zu bekommen muss er in unserer Zivilisation arbeiten und Geld verdienen. Auch ein Dach über dem Kopf bekommt er nur durch Bezahlung. Diese unverzichtbaren Dinge erreicht er, wie bereits gesagt, nur durch Arbeit.
Doch nicht jede Arbeit ist gleich, geschweige denn gibt es ausreichend Beschäftigungen für jeden. Die eine verrichtete Arbeit bedankt sich bei dem Menschen, der den ganzen Tag über geschuftet hat mit einem Hungerlohn, der andere Mensch sitzt hinter dem Schreibtisch seiner Firma, die er ohne Eigenleistung geerbt hat und lässt für sich arbeiten.
Er ist reich ohne etwas dafür zu tun und braucht sich keinen einzigen Gedanken um seine Existenz, seine Gesundheit und seine Ernährung zu machen.Was folgt sind Schichten, die sich in die der Reichen und die der Armen unterteilt. Die beiden Schichten bedeuten wiederum, dass die Menschen nur in den ihnen zugeordneten Kreisen verkehren. Die Menschen werden in gut und weniger gut oder wertvoll unterteilt, obwohl die Natur bei ihrer Erschaffung keine Unterschiede gemacht hat. Dem einzelnen Mensch wird somit ein bestimmter Wert gegeben
Der Reiche, immer Erfolgreiche und Bewunderte, wird durch die übermäßige Aufmerksamkeit und durch den Reichtum, der ihm wie selbstverständlich überlassen wird, zu einem überheblichen, eingebildeten Menschen, der stets auf sein eigenes Wohl achtet, auf für minderwertig erklärte Menschen jedoch keinerlei Rücksicht nimmt.
Er wird größenwahnsinnig, machtgierig und wie gesagt äußerst selbstverliebt.Der Arme ist von ständigen Sorgen um seine Existenz oder die seiner Familie besorgt. Entweder er schuftet bis zum Umfallen, um sich gerade so über Wasser halten zu können oder er ist arbeitslos, aber krampfhaft auf der Suche nach einer Beschäftigung, mit der er sein Leben unterhalten kann.
Sowohl das eine, als auch das andere enden mit Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen und weniger guten Lebensstandards. Aus seiner Schicht aus zu brechen gelingt nur selten. Gute Berufe lassen sich nur mit guten Schulabschlüssen und einem Studium auf der Universität ermöglichen, solch ein hoher Bildungsstandard (gerade heutzutage, in der die Studiengebühren immer mehr Einfluss ausüben) ist jedoch häufig nur mit finanziellen Mitteln, also wieder ein mal dem Geld, möglich.
Verständlich also, dass sich aus diesem ungerechten System unserer Zivilisation Gewalt und Kriminalität entwickeln.
Rousseau erklärt auch den Wert der Kindheit neu, wodurch er sich klar von den früheren Erziehungsmethoden abgrenzt. Er vertritt die Meinung, dass Kinder in ihrem natürlichen Zustand der Unschuld aufwachsen und das Schöne im Leben sehen sollten, bevor sie mit all den Schrecklichkeiten, die unsere Zivilisation birgt, konfrontiert werden, was ohne hin früh der Fall ist.
Früher lag der Fokus auf der Vorbereitung zum Erwachsenwerden, nicht aber auf einer richtigen, gelebten Kindheit. Auch dieser Aspekt sollte vielleicht einmal genauer überdacht werden.Wir leben im Zeitalter, in der Medien bereits längst überhand genommen haben. Das Fernsehen schreckt vor keiner Ausstrahlung irgendwelcher Schreckensbilder zurück, die sich die Kinder jederzeit anschauen können. Kinder sind sensible Wesen; sie reagieren viel extremer und emotionaler auf ihre Umwelt, als es Erwachsene tun und werden gerade von Bildern,
die ihnen das Böse schlechthin vermitteln, schwer belastet und verängstigt.
Unsere Zivilisation scheint somit das Ganze Leben über ein Hindernis zum vollkommenen Glück darzustellen.
Also, zurück zur Natur?